Briefe aus dem Wolkenkuckucksheim
So lautete die Überschrift eines Artikels, den ich vor ca. anderthalben Monat auf Zeitonline.de las. Es handelt sich dabei um die zu einem Buch veröffentlichten Briefe von Sebastian Schlösser, einstiger Hoffnungsträger der deutschen Theaterszene. Seinem anderthalbjährigen Sohn hat Schlösser diese Briefe aus der Psychiatrie geschrieben, in der er sich wegen manischen Depressionen (bipolaren Störung) einliefern lassen hat, um ihm zu erklären warum „der Papa plötzlich mal weg ist“. Damit ist ihm eine sehr rührende Entdämonisierung des Themas Depression gelungen.
Häufig von der Allgemeinheit eher als kleine Verstimmung abgetan, ist Depression nicht nur Volkskrankheit Nummer 1 („Jeder Zehnte Bundesbürger erkrankt einmal im Leben an einer Depression“, weltonline.de), sondern vor allem eines – pathologisch nachweisbar eine schwerwiegende Krankheit unserer Psyche die jedes Jahr um die 9.500 Deutsche in den Freitod treibt. Was passiert denn da nun im Körper des Menschen und welche Formen kann die Krankheit annehmen?
Ganz allgemein unterscheidet man zwischen endogener, neurotischer und reaktiver Depression.
Die endogene Depression, auch affektive Psychose klinisch genannt, wird durch Stoffwechselvorgänge des Hirns ausgelöst (also auch von „endogen = innen“ heraus). Bei dieser Art von Depression fehlt es häufig an einer konkreten Ursache und es wird von Forschern eine Korrelation mit erblicher Veranlagung als Ursache gesehen. Eine Ausprägung der endogenen Depression ist wohl die wie bei Sebastian Schlösser, die bipolare Störung – zu deutsch, manische Depression. Hierbei schwankt der Betroffene episodenweise zwischen Depression und Manie, einem Zustand zwischen „Himmel hoch jauchzend und zu Tote betrübt“ ohne den Normalpegel dabei wieder zu erreichen. Meist viel schlimmer, die Person sinkt ein jedes Mal noch tiefer. Bei Betroffenen gehen charismatische wie überschwängliche Persönlichkeitszüge miteinander einher, oft werden besonders kreative Menschen davon heimgesucht.
Bei einer neurotischen Depression, auch Erschöpfungsdepression genannt, gelten länger anhaltende Belastungen als der Krankheitsauslöser. Wohl bekannteste Ausprägung der neurotischen Depression ist das im Volksmund missbrauchte „Burn-Out-Syndrom“. Die Erkrankten haben meist einen langen Leidensweg an chronischem Stress hinter sich, der dazu führte, dass die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse (HHN-Achse) konstant stimuliert wurde und somit unentwegt Gluccorticoiden (ein Steroid und Abkömmling von Progesteron) ausgeschüttet wird/wurde. Dies hinterlässt einen zu hohen Colisterolspiegel bei den Erkrankten.
Die reaktive Depression (auch genannt: Anpassungsstörung) geht, wie es schon der Name besagt, auf ein aktuell belastendes Ereignis zurück wie z. B. Tod, Trennung, Trauma etc. Meist verschwindet die Störung mit etwas zeitlicher Distanz zum Ereignis oder aber geht in eine der beiden anderen Depressionsform über.
Achtung jetzt wird es klinisch, nicht erschrecken! Wir kommen nun in vereinfachter Form zu den zu den organischen Prozessen von Depressionserkrankten, wobei sich hier die Frage stellt, ob sie eher eine Ursache oder Folge der depressiven Erkrankung sind… so in etwa, was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?
Die Informationen (Gefühle, Handeln, Denken, usw.) unseres Körpers werden mittels elektrischen Strömen in Windeseile durch die Nervenbahnen (die aus Nervenzellen bestehen) weitergeleitet. Zwischen den einzelnen Nervenzellen befindet sich stets eine winzig kleine Lücke, der „synaptische Spalt“. Da die elektrischen Strömen den Spalt nicht einfach so überspringen können, sendet die eine Nervenzelle Botenstoffe mit Informationen an die andere (wie kleine Boote, Schollen, zwischen zwei Ufern) – so genannte „Neurotransmitter“. Angekommen an der anderen Nervenzelle bzw. deren Rezeptoren gibt der Botenstoff den Impuls weiter (vergleichbar mit dem Entladen von Ware im Zielhafen). Nach getaner Arbeit wandert der Botenstoff zur Absendezelle wieder zurück, wo er über eine spezielle Öffnung an der Zellwand aufgenommen und anhand von entsprechenden Enzymen abgebaut (Recycling der kleinen Schollen im Ursprungs-Innenland). Damit nicht unentwegt Botenstoffe in den synaptischen Spalt ausgeschüttet werden, gibt es Beobachtungsrezeptoren mit Hilfe deren, die Zelle registriert, wann eine ausreichende Menge an Botenstoffen vorhanden ist. Der Vergleich mit einem Leuchtturm wäre hier wohl angebracht.
Die oben genannten Botenstoffe umfassen Serotonin, Noradrenalin, Dopamin und Histamin. Serotonin kümmert sich u. a. (!) um die Glücksgefühle, Noradrenalin gibt uns Antriebskraft, Dopamin macht es dem Noradrenalin nach und Histamin lässt unseren Körper entspannen. Dies sind die primären, aber nicht ausschließlichen Aufgaben der Neurotransmitter.
Neurologen erklären depressive Erkrankungen anhand der Noradrenalin- bzw. Serotoninmangelhypothese – d. h. der Spiegel dieser Neurotransmitter ist zu hoch oder zu niedrig, oder die Resorption/Reizbarkeit der Synapsen ist verändert.
Das erklärte Ziel von Antidepressiva sollte es nun sein:
a. die Botenstoffe länger an ihren Wirkungsorten verweilen zu lassen
(Verlängerung des Reizes),
b. die Konzentration der Botenstoffe zu steigern.
Deshalb gibt es grob gesagt drei verschieden wirkende Antidepressiva.
Die erste Form sind die Wiederaufnahmehemmer, deren Wirkstoff besitzt eine ähnliche Oberfläche wie die der Neurotransmitter. Sie können sich somit in die Öffnungen an den Zellwänden (der Absender-Zelle) heimlich einnisten, so dass kein Botenstoff nach verrichteter Arbeit „nach Hause kehren kann“.
Die Enzyme-Hemmer (MAO-Hemmer), die zweite Form, dringen in die Nervenzellen ein und blockieren die Enzyme, welche die Boten abbauen.
Die dritte und letzte Form schafft es, dass die Ausschüttung der Botenstoffe nicht aufhört. Die Medikamentenwirkstoffe blockieren „die freie Sicht“ der Beobachtungsrezeptoren und setzen sich quasi auf diese drauf, so dass die Zelle unentwegt weiter Neurotransmitter ausschüttet und deren Konzentration steigt. Fast so als, ob man dem Leuchtturmwärter die Augen zu halten würde und er nicht mitbekommen könnte, wie viel Schiffe den Turm gen Hafen passieren.
Die meisten Antidepressiva-Präparate entfalten ihre volle Wirken auch erst nach bis zu sechs Wochen. Davor bedarf es ein gutes Stück Geduld bis Arzt und Patient gemeinsam die optimale Wirkstoffkombination (bzw. die ideal Konzentration) herausgefunden haben. Der Zaubertrank war auch einst das Lebenswerk Miraculix’s.
Apropos Augen zu und zaubern… ich leg mich wohl besser auch mal hin. Gute Nacht :)
(Quelle: http)
Soweit die Füße tragen… oder auch zappeln
Das Restless-Legs Syndrom klingt eigentlich mehr nach der perfekten Ausgangslage, um den nächsten Marathon zu bestreiten – ist es leider gar nicht. Laut einem Artikel in der n-tv heute (29.09.11) ist Restless Legs eine weitaus unterschätzte Volkskrankheit unter der fast acht Mio. Deutsche leiden – zwei Mio. davon mit akuter Behandlungswürdigkeit. Betroffene leiden vor allem unter Schlafstörungen und mindern durch die erfahrene Müdigkeit am Tag ihre eigene Lebensqualität. Aber hier kommen zwei gute Nachrichten: Die Krankheit ist recht einfach mit alternativen Dopaminstoffen behandelbar. Und zweitens, sie hat einmal ausnahmsweise keine psychische Ursache! Vermutet wird ein genetischer Erbfaktor hinter dem Nervenleiden.
Also, alles easy… keep on running!